Ein Tag am Meer und eine Zeitreise, die mich 35 Jahre zurückführt. Ich war kurz davor in eine Russisch Klasse zu wechseln und bekam meine erste Kassette geschenkt. Zu meiner kleinen heilen Welt gehörten „Kunden“, die keine Kunden waren, ebenso wie utopische Vinyl Preise. Es war die erste „Time of my Life“.

Als ich Kind war, hing in unserem Bungalow ein Bild aus dem ehemaligen Jugoslawien, welches sich bei mir tief eingeprägte, weil es in mir Fernweh und Sehnsucht hervorrief. Auf dem Bild sah man Veli Lošinj (Kroatien), weißen Sandstrand und Smaragd blaues Wasser. Es roch nach Westen und Capri Sonne. Stundenlang vergrub ich mich in dieses Bild, im Hintergrund lief „Der blaue Planet“ von Karat und für mich war es unbegreiflich, dass es Grenzen gab und das wir nicht in den „sozialistischen Bruderstaat“ reisen durften.

Umso faszinierter war ich von der Erkenntnis, dass sich ein Teil meiner Sehnsucht mit viel Glück punktuell an der Ostsee erfüllen konnte. 1983 fuhren meine Eltern mit ihrem hellblauen Skoda S-100 und mir nach Rügen. Hier gab es ihn wirklich: Zuckersand-Strand! Das Ganze war wie ein Geschenk, um die große Sehnsucht zu stillen. Leider roch es nicht nach Westen, sondern nach FKK gepaart mit real-sozialistischen Gedanken. Damit nervten mich meine Eltern zum Glück nicht, aber mit Abfragen zum Ein mal Eins. Währenddessen fragte ich mich, warum uns ein Stacheldraht im Meer vom Rest der Welt trennte.

Einige Jahre später, im letzten wirklichen DDR Sommer, durften wir wieder nach Rügen fahren. Immer noch mit dem Skoda.

Unser Skoda S-100

Wir machten keine Urlaubsbekanntschaft, weil man niemanden vertrauen konnte. Also hatte ich viel Zeit für mich und meine Gedanken zur Sehnsucht. Und war nicht alleine damit. Alle, die nicht uniform waren, versammelten sich im Sommer auf den Campingplätzen, so schien es zumindest. Obwohl die Ausreisewelle schon losging, waren hier gefühlt mehr Popper, Heavies, Punks, Grufties und „Kunden“ zu sehen, als in den Jahren davor. Viel konnte ich vor allem mit den „Kunden“ nicht anfangen, weder mit ihrer Vorliebe für Blues, noch mit ihrer Uniform: Parka und Hirschtasche. Man traf sie alle – welch Wunder – auf dem Schwarzmarkt am Wochenende. Dort kostetet die ungarische Nachpressung von Iron Maiden´s „Live after Death“ um die 100,- Ost-Mark; die „Afterburner“ von ZZ-Top gab es für 60,- Ost-Mark.

Kino Konserve. Typisches Wellblechkino.

An die Preise der Bravo, der abfotografierten Fotos von Samantha Fox, und der selbst genähten Tangas kann ich mich nicht mehr erinnern. Umso mehr aber an „Dirty Dancing“. Lief damals sogar im Osten, und unabhängig vom den musikalischen Vorlieben strömten alle in die „Kino Konserve“, um Tränen beim letzten Tanz und „Time of my Life“ zu vergießen.

Meine emotionale Berührtheit konnte ich gut hinter dem „Möchtegern-Heavy“ verbergen, der ich sein wollte – umgeben war von  Thälmann-Pionier-Kultur, VoKuHiLa und Stonewashed Jeans im Karottenschnitt der DDR Marke „Boxer“. Die Dissonanz hing zu Hause an den Wänden: ein 16seitiges Metallica Plakat, daneben Ozzy (mit Axt), Kreator, WASP, Michael Jackson und Bros. Und Alf. Ausleben konnte ich mein Idealbild nur bedingt, z.B. bei Freunden, auf Papier

Freiheit auf dem Zeichenblock.
Freiheit auf meiner Musik Mappe.

oder unter den Kopfhörern meines Walkmans. Dann stellte ich mich in die Richtung des Windes und segelte in die Zukunft, die im Westen stattfand.

Inzwischen kommt der Westen nach Rügen und mich bezeichnet man als „Wossi“. Ich bin nicht geblieben, aber die Sehnsucht. Rügen und die Ostsee haben sich dazu gesellt. Abseits der Großstadthektik und der Gigantomanie gibt es hier viele kleine Schätze zu entdecken. Zum Beispiel Herzensprojekte von Menschen mit einem sehr feinen Gespür für Kunst und Musik, die sich sensibel in das Gesamtbild aus Meer und dem Geruch von Geschichte und Freiheit einfügen, es bunter und weltoffener gestalten. Wegweisend für mich waren und sind zum Beipiel die garage-g in Stralsund (http://garage.in-mv.de), Al-Haca Soundsystem aus Greifswald und das Tag am Meer Open Air in Prora (http://tagammeer-festival.de)

Das Tag am Meer Festival findet am Wochenende zum sechsten Mal statt und wird umrahmt vom „Koloss von Prora“, der Ostsee, Zuckersand-Strand und Dünenwäldern. Hier treffen düstere Geschichte und friedvolles Vergnügen aufeinander und geben dieser eindrucksvollen Kulisse und den Besuchern eine Seele, die von Achtsamkeit erfüllt ist. Das Line-up ist fein ausgewählt und trotzdem musikalisch bunt gemischt von  Reggae über Schneckno zu Drum’n Bass und Techno. Wem Musik, Strand und Ostsee zum Vergnügen nicht reichen, kann sich beim Beachvolleyball auspowern, um auf dem Chill-out Floor die Nacht zu genießen. Ich glaube, dass werde ich tun. Und meinen Kindern von der Zeit erzählen als ich Karat hörte und von der Zukunft träumte.

 

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