Ein Rausch am Meer, eine Rettung und eine Zeitreise, die mich 35 Jahre zurückführt. Ich stehe am Eingang zur Russisch Schule, die ich damals besucht habe. Mit einem Tape von Karat in der Tasche,  „Der Blaue Planet“, umgeben von einer eisernen Grenze, wo utopische Vinyl und Tangaslip Preise ebenso zu meiner kleinen heilen kranken Welt gehörten, wie „Kunden“, die keine Kunden waren. Es war die erste „Time of my Life“. Echt jetzt!

1984: In unserer Datsche hingen Poster mit Motiven aus dem damaligen Jugoslawien, welche sich tief in meine Erinnerungen einbrannten, weil sie in mir Fernweh und Sehnsucht hervorriefen. Veli Lošinj (heutiges Kroatien), weißer Sandstrand und Smaragd blaues Wasser. Stundenlang vergrub ich mich in diese warmen Szenerien. Es roch nach Westen, ich ankerte im Hafen, und meine Freundin lag auf dem Bug Cockpit. Während ich gekühlte Pepsi und Capri Sonne holte, lief im Hintergrund „Der Blaue Planet“ von Karat.

Und im Alltag? War es für mich unbegreiflich, dass es Grenzen gab und wir nicht in die damalige Volksrepublik Polen reisen durften obwohl sie  „sozialistischen Bruderstaat“ war. Umso faszinierter war ich von der Erkenntnis, dass ich einen Teil meiner Sehnsucht an der Ostsee erfüllen konnte. Sommerurlaub in Lubmin, bekannt u.a. durch das Kernkraftwerk. Unser hellblauer Skoda S-100 brachte uns zum ungeahnten Ziel: Zuckersand-Strand, Weite und Meer! Leider roch es nicht nach Westen, Pepsi und Capri Sonne, sondern nach FKK gepaart mit real-sozialistischen Gedanken. Damit nervten mich meine Eltern zum Glück nicht, vielmehr fragten wir uns, warum uns ein Stacheldraht im Meer vom Rest der Welt trennte.

Einige Jahre später, im letzten wirklichen DDR Sommer, durften wir wieder an die Ostsee fahren. Immer noch mit dem Skoda.

Unser Skoda S-100

1989: Wir machten keine Urlaubsbekanntschaften, weil man niemanden vertrauen konnte. Also hatte ich viel Zeit für mich und meine Gedanken zur Sehnsucht, hörte Silly „Februar“ rauf und runter. Und ich war nicht alleine damit. Viele Systemkritiker*innen versammelten sich in diesen Monaten auf Campingplätzen, so schien es zumindest. Obwohl die Ausreisewelle schon losging, waren hier gefühlt mehr Popper, Heavies, Punks, Grufties und „Kunden“ zu sehen, als in den Jahren davor.  „Kunden“ gab es nur im Osten, und ich konnte echt nichts mit ihnen anfangen, weder mit ihrer Vorliebe für Blues, noch mit ihrem Markenzeichen: Parka und Hirschtasche. Man traf sie alle – welch Wunder – auf dem Schwarzmarkt am Wochenende. Dort kostetet die ungarische Nachpressung von Iron Maiden´s „Live after Death“ um die 100,- Ost-Mark; die „Afterburner“ von ZZ-Top gab es für 60,- Ost-Mark.

Kino Konserve. Typisches Wellblechkino.

An die Preise der Bravo, der abfotografierten Fotos von Samantha Fox, und der selbst genähten Tangaslips kann ich mich nicht mehr erinnern – nur, dass meine Freundin auf dem Motorboot solch ein Teil anhatte. „Dirty Dancing“ lief damals sogar im Osten, und unabhängig von den musikalischen Vorlieben strömten alle in die „Kino Konserve“, um Tränen beim letzten Tanz und „Time of my Life“ zu vergießen.

Meine emotionale Berührtheit konnte ich gut hinter dem „Möchtegern-Heavy“ verbergen, der ich sein wollte – umgeben war von einer Thälmann-Pionier-Kultur, VoKuHiLa und Stonewashed Jeans im Karottenschnitt der DDR Marke „Boxer“. Die Dissonanz hing zu Hause an den Wänden: ein 16seitiges Metallica Plakat, daneben Ozzy (mit Axt), Kreator, WASP, Michael Jackson und Bros. Und Alf. Ausleben konnte ich mein Idealbild nur bedingt, z. B. bei Freunden, auf Papier oder unter den Kopfhörern meines Sony Walkmans. Ich schloss die Augen und stellte mich in die Richtung des Windes und segelte in die Zukunft, die im Westen stattfand.

Freiheit auf meiner Musik Mappe.

Inzwischen kommt der Westen an die Ostsee und mich bezeichnet man als „Wossi“. Ich bin nicht geblieben, aber die Sehnsucht. Usedom, Rügen und die Ostsee haben sich dazu gesellt. Abseits der Großstadthektik und der Gigantomanie gibt es hier viele kleine Schätze zu entdecken. Zum Beispiel Herzensprojekte von Menschen mit einem sehr feinen Gespür für Kunst und Musik, die sich sensibel in das Gesamtbild aus Meer und dem Geruch von Geschichte und Freiheit einfügen, und die Region weltoffener gestalten. Wegweisend für mich waren und sind zum Beipiel die garage-g in Stralsund, Al-Haca Soundsystem aus Greifswald, das Tag am Meer Open Air in Prora, und dass Meeresrausch Festival (MRF) in Peenemünde.

Ohhh, dass zauberschöne Meeresrausch: Düstere Geschichte trifft auf Sternenstaub Vergnügen und wird umrahmt von einem traumhaften Ambiente:  Ostsee, Zuckersand-strand und Dünenwälder. Was ich letztes Jahr erleben durfte: Über das Meeresrausch Gelände geht Mensch nicht, man schwebt! Entschleunigt begann die Reise mit mehreren Etappen auf dem Flying Flöör, wo die Sounds das Tor zum Dschungel der Gefühle öffneten. Sanfte Downtempo Sets streichelten mir die Sinne, und entführten mich später in den Zauberwald, wo ich zwischen satten Farbenschauern auftauchen und auf dem Kinkerlitzchen mein Set spielen durfte. Eine gepflegte drei stündige Butterfahrt aehm Zeitreise bis in den Abend hinein, zu hören hier:

Auch auf den anderen Floors kreuzt man mit seinem Schiffchen zwischen Wirklich und Unwirklich. Zur Krönung wird bei der vor-dadaistischen Chapeau Club Crew die real vollendete Ver(w)irrung durch Schönheit, Eskalation, Wahnsinn und Explosion erlebt. Wer noch immer nicht beeindruckt ist, wirft den Blick nicht nur auf die zauberhaften Kulissen, welche behutsame Symbiosen mit der Natur darstellen, und nicht nur zum Einmalgebrauch erschaffen wurden; sondern lässt bei Sekt auf Maracuja Saft die Festivalseele auf sich wirken: Besucher*innen, die achtsam miteinander feiern, und eine Crew, die sich nicht in den Vordergrund spielt, sondern ganz im Gegenteil unerkannt bleibt, und die ihren Gästen einen Namen gab: „Meeronaut*innen“. Spricht man dieses Wort liebevoll aus, erahnt man die Geschichte, welche dahinter steht. Sie dreht sich um ein kleines organisch gewachsenes Festival, ohne Druffis, Prolls, und mit einem fein ausgewählten und breitem Line-up. Hier ist der einzige Ort der Welt, glaubt mir. Hier, wo es nicht darum geht, sich gemeinsam mit zig tausenden derbe feiersüchtigen Geschöpfen auf acht Floors abzuschießen. Hier, wo Mensch sich am Strand zum Sektfrühstück mit unbekannten Seelen seiner Art trifft, und danach nicht in der Anonymität verliert. Hier, wo es nicht darum geht, perfekt in der Andersartigkeit den Mittelpunkt auszufüllen. Zu diesem Zeitpunkt begann ich zu verstehen, warum im Netz relativ wenig über das MRF zu finden ist, und warum sich die Crew mit einer Außendarstellung sehr bedeckt hält. Weil diese einzigartige und intime Festivalstimmung nur so behütet werden kann. Damit dieser Spirit auch 2021 weiterlebt, hat die Crew eine Spendenaktion ins Leben gerufen, die noch bis Sonntag läuft. Schaut rein und lasst Euch inspirieren von den Dankeschöns. Wir sehen uns hoffentlich auf dem MRF21 mit viel Sekt auf Eis, und Maracujasaft. Aloha.

https://www.startnext.com/meeresrausch21

 

 

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