Sommer 1999. Die Verwendung der Worte „Jahrtausendwende“ und „Millennium“ steigerte sich gerade merklich. Ich verbrachte meine Semesterferien in Hamburg. Dort hatte ich einen Job angenommen, um Geld zu verdienen, denn mein Bauchgefühl sagte mir, meine Beziehung bräuchte einen neuen Impuls. Ich wollte mich nicht lumpen lassen und hatte meine damalige Freundin Ella nach New York eingeladen. Karin, Helge und Thomas wohnten damals in Winterhude in einer WG, nicht weit entfernt von der Außenalster. Bei ihnen durfte ich die Zeit über wohnen.

Tagsüber verpackte ich Kartons im Lager eines großen Klamottenherstellers in Norderstedt. Dort lernte ich von einem Kollegen, wie man perfekt eine Taube und einen Hund imitiert. Eigenschaften, die sich damals irgendwie lächerlich anhörten, aber in meinem weiteren Leben durchaus ihre Relevanz bekommen sollten. Mit solchen Eigenschaften ist das wie in Computerspielen – man findet einen Schlüssel und hat keine Ahnung warum. Man hebt ihn auf. Ein oder zwei Level später steht man dann vor einer riesigen Tür und kommt nicht weiter, dann lohnt sich ein Blick in seine gesammelten Utensilien. Plötzlich hat man das passende Werkzeug schon dabei. – Hinter irgendeiner Lebensecke wird plötzlich ein Schuh daraus. Vielleicht ist das Leben eben doch nur ein großes Adventure-Spiel? Doch dann wäre ja alles vorherbestimmt? Jeder Pfad schon einmal beschritten? Und es gäbe für alles eine Lösung – so wie bei Indiana Jones? Ist das wirklich so? Darüber muss ich nachdenken.
Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und strecke mich, wende meinen Blick vom Bildschirm ab und blicke durchs Arbeitszimmer, dann aus dem Fenster. Es ist regnerisch und kalt. Auf der Straße kommt ein Auto gefahren, ein anderes aus der entgegengesetzten Richtung. Beide müssen an einem parkenden Fahrzeug vorbei. Sie blockieren sich. Weitere Wagen kommen und müssen warten. Eine Frau steigt aus und beschwert sich bei ihrem Gegenüber. Die anderen Fahrer hupen. Ich lächele und schüttele leicht mit dem Kopf. Dann gehe ich in die Küche und mache mir einen doppelten Espresso. Auf meinem Sessel im Wohnzimmer genieße ich diesen und widerstehe der Versuchung, den Fernseher anzumachen. Stattdessen schaue ich in den Garten und beobachte, wie ein Rotkehlchen in unserer Vogeltränke baden möchte. Doch das Wasser ist gefroren. Es rutscht zweimal aus und landet auf ihrem kleinen Bäuchlein. Dann fliegt sie davon. Ich stelle die Tasse in den Geschirrspüler, setze mich wieder an meinen Schreibtisch und fahre fort.
Gibt es für alles eine Lösung? Ich weiß nicht. Das lasse ich an dieser Stelle auch einfach mal so stehen. Man muss ja auch nicht alles ganz genau wissen und verstehen.

Auf dem Foto war ich ja auch ganz gut getroffen –
Hey! Hey! Ganz schön eitel.

Irgendwann hatte ich auf jeden Fall genug Geld für zwei Hin- und Rückflüge nach New York zusammen. Zwischendurch war noch Erika in der WG vorbeigekommen. Sie schrieb gerade für ein Hamburger Stadtmagazin einen Artikel über das Thema Semesterferien. Mir nichts dir nichts war ich Teil dieses Artikels. Dabei studierte ich doch gar nicht Hamburg, sondern in Berlin. „Egal“, sagte Erika. „Okay“, meinte ich. Auf dem Foto war ich ja auch gut getroffen. Hey! Hey! Ganz schön eitel. Sorry, aber das habe ich damals wirklich gedacht.

Wir flogen von Berlin nach Newark, Ella hatte sich im Vorfeld um eine Unterkunft bemüht und wir landeten in einem Mehrbettzimmer in einem kleinen Hostel in Harlem, deren Inhaberin – 3 mal dürft ihr raten – wie hieß? Richtig. Ella. Die 150te Straße war unmittelbar um die Ecke, für mich damals ein durchaus beeindruckendes Erlebnis, da ich, als wohlbehütet in Deutschland aufgewachsener Weißer, noch nie zuvor als einziger meiner Art auf einer Straße gestanden hatte. Für mich eine Wahrnehmung wie eine Offenbarung, konnte ich mich doch als echter Ausländer fühlen. Auch konnte ich nicht leugnen, dass in mir eine Erhabenheit gegenüber einfachst gestrickten Landsleuten profanen Gedankenguts erwuchs.
Abends beschloss ich, noch eine Runde um den Block zu schlendern, um mir im Liqueur-Shop ein Bier zu kaufen. In einer Seitenstraße nahm ich in einer parkenden Limousine laute Stimmen wahr. Kurz darauf öffnete sich die hintere Fahrzeugtür. Der Lautstärkepegel hob abrupt an, doch verhallte sofort wieder. Ein Mann stieg aus, zog sich seine schwarze Kapuze über den Kopf und verschwand schnellen Schrittes. Gleichzeit erhob sich rechts von mir ein weiterer Mann von einem kleinen Mauervorsprung eines Zauns und ging zielstrebig Richtung Limousine – erst in diesem Augenblick bemerkte ich, dass auf der Häuserseite des Fußwegs, ca. 10-12 weitere Personen auf eben diesem Mauervorsprung saßen und offenbar eine Schlange bildeten. Ich warf einen kurzen Blick durch die offene Autotür, konnte nichts erkennen und beschleunigte meinen Schritt. Dann zog ich mir selbst meine Kapuze über den Kopf und suchte den nächstbesten Liqueur-Shop auf.


Diese geile Scheibe gibt es bei:

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Am nächsten Morgen fuhren wir mit der Bahn downtown, Manhattan. Ein eisiger Wind fegte durch die tiefen Häuserschluchten, wir tranken Kaffee und aßen Creamcheese-Bagel. Dann schlenderten wir los. Aus einem Lieferwagen wurden Kisten auf den Fußweg gestapelt, um sie von dort in ein Ladengeschäft zu transportieren. Als wir näher kamen, erkannten wir, dass es sich um Kisten voller LP´s handelte und dass das Ladengeschäft ein Plattenladen war. Es traf gerade eine frische Ladung Second-Hand-Scheiben ein! Ich hatte mir ein extra Budget für den Vinylkauf zur Verfügung gestellt. Schließlich fuhren wir für eine ganze Woche ins Plattenparadies New York. Insgesamt flog ich später mit ca. 50 LP´s wieder nach Berlin zurück und war mächtig stolz, das nur vorweg genommen! Das ich die meisten dieser 50 Scheiben an diesem Morgen in dem frisch belieferten Laden kaufte, weil sie für 1 Dollar das Stück rausgehauen wurden, und das ich all diese Platten auch auf einem der vielen Berliner Flohmärkte für einen ähnlichen Preis hätte erstehen können, dafür aber weniger An- und Abfahrtentfernung hätte in Kauf nehmen müssen – all das war in diesem Moment einfach egal. Wir waren in New York, wir wollten geile Scheiben kaufen und hier gab es sie – zudem noch äußerst günstig!

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Flugtickets

Schwer vinylbepackt zogen wir weiter zu Other Music, einem Plattenladen, den ich zuvor recherchiert hatte – ein gutes Recherchenergebnis, wie ich selbst feststellen durfte. Eine exzellente Auswahl und zudem das Gefühl des In-die-Zukunft-reisens durch viele frühere Releases als in Europa, herrlich! Hier stieß ich auch auf Bablicon. Ich war so von der Individualität des Cover-Artworks fasziniert, dass für mich gar keine Zweifel bestanden – diese Scheibe wollte ich einfach haben, denn ich fand sie geil. Eine auf 400 Stück limitierte Auflage. Und jedes einzelne Plattencover ist während eines Konzertes von Besuchern individuell bemalt worden. Mit echter Farbe. Geile Idee.

Jazz hebe ich mir für meine Zeit ab 50 auf,
wenn ich in meinem eigens eingerichteten Musikzimmer sitze.
Dann habe ich noch viel zu entdecken.

Musikalisch war ich, zurück in Berlin, ziemlich enttäuscht. Der Zusammenschluss von Mitgliedern der Bands Neutral Milk Hotel und The Gerbils (beide beim Label Elephant 6) ließ einiges vermuten. Und wenn Indie-Musiker ein Free-Jazz-Projekt aufziehen, dachte ich, ist die Musik potentiell zugängiger für ich, als wenn gestandene Jazzgrößen drauflos interpretieren, doch ich war damals mit der Scheibe echt überfordert und fand sie nicht wirklich geil. Schließlich hatte ich seiner Zeit immer herumposaunt: „Jazz hebe ich mir für meine Zeit ab 50 auf, wenn ich in meinem eigens eingerichteten Musikzimmer sitze. Dann habe ich noch viel zu entdecken.“

In den letzten 2 Tagen habe ich die Platte allerdings mehrfach gehört (obwohl ich noch lange keine 50 bin) und ich muss ihr definitiv atmosphärische Stärken zugestehen. Sie wirkt in ihren Improvisationen sehr authentisch, wenn man das so überhaupt sagen kann – ich nehme den Musikern das Spontane vollkommen ab. In diesem Leben wird die Scheibe zwar keine meiner Lieblingsplatten mehr, aber sie hat es, nach einem anfänglich vernichtendem Urteil, zu meiner ernst gemeinten Anerkennung geschafft.

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