Der Sommer 1994 war vielleicht einer der unbeschwertesten meines Lebens. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht und das Leben lag vor mir, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Die Vorfreude auf all die Möglichkeiten, die mir offen standen, war groß. Was würde aus mir werden? Einen genauen Fahrplan hatte ich nicht. Egal. Der Sommer 1994 war eine einzige große Überlegung. Was würde ich mit meinem weißen leeren Leben anfangen können?

Zunächst einmal waren da Parties. Permanent waren wir unterwegs – Brake, Elsfleth, Oldenburg, Bremen, Hammelwarden, Weserstrand, Baggersee, bei Jabbo Jabben (natürlich mit dem Jet-Set-Disco-Team), im H9, im Garten bei Juliane, im Garten bei Thomas, bei Helge, bei Sonja, im Amadeus, im Metro, in der Lila Eule, im Modernes, im Römer, zumindest eine 15-Mark-Party gab es immer irgendwo.
Ich hatte meine Freundin Antje und bereits eine Zivildienststelle in Oldenburg – meine Verweigerung war erfolgreich, es war Fußball-Weltmeisterschaft und wie gesagt – Sommer. Alles war irgendwie gut.
Wir saßen im Garten bei Malek und tranken Bier – hin und wieder auch einen Ouzo. Es war eine wunderbar milde Nacht. Der Ghettoblaster dröhnte. Ich war hinunter zur Ollen (ein Fluß) gegangen und pinkelte hinein, als sich die Geräuschkulisse etwas dämpfte und der auf das Wasser treffende Strahl vor mir sehr laut wurde. Ich fokussierte meinen Blick auf die sich ausbreitenden Wellenbewegungen und dachte: „Na klar!“
Zurück bei den anderen, machte ich Malek und Thomas den Vorschlag, in den Urlaub zu fahren. Völlig unkompliziert. Morgen oder übermorgen. Einfach losfahren.
Wir stießen an und vergaßen nicht, uns für den nächsten Morgen einen mächtigen Kater zu besorgen.

Die Erinnerung sprang an und mein zum bersten drohendes Hirn versuchte die Zusammenhänge herzustellen.

Das Klingeln unseres grünen Telefons mit Wählscheibe drang langsam aber zielstrebig in meinen Traum ein. Meine Augen öffneten sich widerwillig und stinksauer. Mein Kopf war ein einziger Schmerz. „Ich versuche dich schon seit 20 Minuten zu erreichen, holst du mich ab?“, fragte meine Mutter am anderen Ende der Leitung. Die Erinnerung sprang an und mein zum bersten drohendes Hirn versuchte die Zusammenhänge herzustellen. Erstmal Zeit gewinnen. „Oh, verschlafen, ich fahre sofort los, bis gleich!“ Ich legte mich wieder hin und kombinierte. Ich wollte meine Mutter aus Oldenburg abholen, das hatten wir so verabredet. Sie wollte kurz durchrufen, wenn sie das Krankenhaus verlassen dürfte. Sie freute sich auf zu Hause. Ich hatte mich nachts in weiser Voraussicht in das Bett meiner Mutter gelegt und das Telefon neben das Bett gestellt, denn das Kabel reichte nicht bis in mein Zimmer. Mein Vater war morgens bereits zur Arbeit. Wahrscheinlich sogar ein wenig früher als sonst, als er neben sich die Ouzo-Fahne roch.
Als das Telefon abermals klingelte, schnellte ich sofort hoch. Mit Tränen in der Stimme und berechtigterweise verärgert sagte meine Mutter: „Das kann doch nicht sein, du bist noch gar nicht losgefahren?“ Eine ganze Stunde war mittlerweile vergangen und ich beschloss, mit offenen Karten zu spielen: „Ich kann noch nicht fahren, ich rufe Antje an, okay?“
„Habe ich schon, sie holt mich ab!“, erwiderte sie prompt und legte auf.
Später am Tag war ich dem gemeinsamen Spott der beiden hilflos ausgeliefert. Zurecht, wie ich meine.

Ein paar Tage später saßen Malek, Thomas und ich in meinem kleinen weißen Corsa und waren unterwegs nach Belgien, zum Werchter Festival. Das Line-Up lockte mit Rage Against The Machine, Sepultura, Therapy? und Clawfinger. Ich persönlich freute mich besonders auf Buffalo Tom. Peter Gabriel und Aerosmith als Headliner überlasen wir getrost.
Als wir am 2. Juli ankamen, schauten wir uns in einer provisorischen Zelt-Bar auf dem Festivalgelände Deutschland gegen Belgien an. Der Barkeeper versprach uns für jedes deutsche Tor ein Bier. Wir wollten uns nicht lumpen lassen und versprachen pro belgischem Tor eine Lokalrunde (Die Bar war klein!) Das Spiel endete 3:2. Es gab viel Bier und es war furchtbar lustig. Der Urlaub begann vollmundig und fantastisch. An das Festival selbst kann ich mich nur noch dünn erinnern – Buffalo Tom war toll und bei Sepultura war alles in Bewegung – sehr bewegend. Chaos A.D.
Danach trieb es uns an der französischen Nordküste entlang. In einem kleinen Dorf suchten wir die einzige Kneipe auf und lernten den Besitzer kennen. Im Verlaufe des abends holte er aus seiner Privatwohnung seine Fotokiste und zeigte uns Bilder seines Sohnes, der gerade einen Vertrag bei PSG unterschrieben hatte. Er war stolz wie Bolle. Auf dem Heimweg zum Zeltplatz kauften wir durchs offene Fenster der Boulangerie frische Croissants und stellten fest, dass der Mann, der die ganze Zeit über an der Theke gesessen hatte, ohne ein Wort zu sagen, der maître boulanger war – Amiens, Rouen, Cabourg, Le Mans, La Rochelle und Paris am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag.
Die Autofahrten auf den Landstraßen Frankreichs verschwimmen in meiner Erinnerung, aber ich denke an endlos gerade Teerbänder und ein Gefühl der Unabhängigkeit, dass wir gemeinsam erlebten. Wir waren draussen in der großen, weiten Welt und unschlagbar. Drei bedeutende europäische Hauptstädte an einem Tag!


Diese geile Scheibe gibt es bei:

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Und wir hörten Musik. Ohne Musik wäre die Fahrt undenkbar gewesen. Ich glaube gar, ohne Musik wären wir nicht gefahren! Aus irgendwelchen Gründen verbinde ich diese Reise mit Leeway. Zum ersten Mal gelesen hatte ich von der Band in einem Suicidal Tendencies Konzertrückblick. Sie waren anscheinend deren Vorband, hatten allerdings noch keinen Tonträger veröffentlicht. Danach vergaß ich Leeway zunächst wieder. Bis ich mich eines nachmittags durch die wohlsortierten Plattenkisten von MTS in Oldenburg wühlte und vor meinen Augen das Plattencover von Born To Expire auftauchte. „Leeway?“, dachte ich. „Die kenne ich doch, oder?“

Es ging um realere Themen, ich mochte ja auch keine Rollenspiele,
die in den 80ern sehr groß waren.

Ich hörte rein — fetter Sound, bombastisch produzierte Gitarren und weichmelodische Einschübe krallten sich groovend in meinen Ohren fest. Zudem war es eine wunderbare Mischung aus Metal und Hardcore – zwei Welten, zwischen denen ich eh hin- und hergerissen war. Metal war in der Schule viel populärer, gerade auch weil es mit Kutten und Band-T-Shirts zur Schau getragen wurde. Aber ich entsinne mich zurück, dass ich mit Metal nie so wirklich viel anfangen konnte. Es gab Ausnahmen, klar, aber diese Ausnahmen waren dann bei eingefleischten Metalfans zumeist die soften Songs und rochen stark nach verpöntem Hardrock. Im Hardcore konnte ich viel mehr für mich entdecken, er war ebenso agressiv – was wir ja alle geil fanden, aber die Tonalität, die Attitüde und vor allem die Texte waren nicht so pathetisch wie bei Metalbands. Es ging um realere Themen, ich mochte ja auch keine Rollenspiele, die in den 80ern sehr groß waren. Später dann, als mit Helmet die abgehackten Powerchords salonfähig wurden und Punk und Hardcore sich beim Metal bediente, verschmolzen für mich auch die beiden Seiten. Allerdings blieb mir der Zugang zu echtem Metal bis heute verwehrt – worum ich gar nicht böse bin.
Aber zurück zu Leeway: Der Gesang ist tatsächlich Gesang. Anders als bei vielen Bands seinerzeit. Schreie wurden sehr gewissenhaft eingesetzt. Beim längeren Hören der Scheibe war (und ist immernoch), die sehr hohe und vielfältige Stimme von Eddie Sutton immer in der Lage den Unterschied zu machen. Trotz eines deutlichen Hangs zu krachigen Uptempo-Songs, sagte sogar meine Frau: „Gar nicht so schlecht!“

Und weil sie mich an einen unbekümmerten Sommer und Freiheit erinnert.

Höre ich mir die Scheibe heute an, ist der Opener Rise & Fall immernoch ein ganz schöner Kracher und auch der Rest ist gut. Zumindest weiß ich sehr genau, warum ich diese Scheibe damals so sehr mochte und noch 5 Jahre nach Erscheinungsdatum von Born To Expire mein Leeway-T-Shirt trug (s. Bilder). Vielleicht sind meine Ohren heute einfach nicht mehr bereit dafür, aber hin und wieder… Geht gut ab! Die Scheibe hat für mich einen großen persönlichen Weg, weil sie eine Nische besetzt hat, in der ich mich eine Zeit lang sehr wohl fühlte. Und weil sie mich an einen unbekümmerten Sommer und Freiheit erinnert. Danke Leeway.

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