Mein allererstes komplettes Album einer Band, zuvor hatte ich mir lediglich Hitparaden-Sampler bei Schreibwaren Weykopf im Dorf bestellt – Formel Eins, Ronny’s Pop Show usw. Mit meiner neuen Nordmende-Kompaktanlage, die ich mir vom Konfirmationsgeld gekauft hatte war ich nun auch stolzer Besitzer eines Tangential-Plattenspielers. Jetzt mussten natürlich auch Schallplatten her.

Alle tauschten munter LP´s am Bahnhof oder im Zug auf dem Weg zur Schule, in den Pausen in der Aula oder in den Klassenzimmern, da konnte man schlecht immer nur nehmen – ich wollte auch geben und mittauschen! Wie sah das sonst aus? „Ich leihe dir keine Scheiben mehr zum Aufnehmen, die verkratzen nur. Außerdem hast du mir noch gar nix geliehen–hast du noch geile Scheiben?“

Also fuhr ich nach Bremen, denn ich war ganz klar in der Bringschuld. Das war schon aufregend in der großen Stadt für so einen Bengel vom Lande. Und diese Unsicherheit schwang natürlich auch mit, als ich im Plattenladen stand und überlegte, für welche geile Scheibe ich mich denn nun entscheiden sollte. Es ging um Metal. Es ging um Sepultura, Slayer, Metallica, Morgoth, Entombed, Orbituary, Demolition Hammer und wie sie alle hießen. Großartig schlau gelesen hatte ich mich vorher nicht, ich war davon ausgegangen, dass ich ich mich in der Szene bestens auskenne – Pustekuchen. Mir fiel kein Bandname mehr ein, als ich da im Plattenladen stand. Keine Band kannte ich in den nicht enden wollenden Plattenkisten, geschweige denn eine, von der in der Schule die Rede war. Ich kam mir bescheuert vor und insgeheim hatte ich es geahnt. Und außerdem ging es ja auch nicht darum, etwas zu kaufen, was alle anderen bereits kannten, es ging darum eine eigene Entdeckung mit nach Hause zu bringen. Eine Platte von der man vielleicht sagen würde: „Wow, die Scheibe ist echt geil, die musst du dir unbedingt reinziehen, die hat Tim entdeckt!“
Jetzt stand ich da also schon seit geraumer Zeit – ich denke mal so 1-2 Stunden – in einem Plattenladen in Bremen und hatte bereits das Gefühl, dass ich beobachtet werden würde. „Guck mal das Landei da, der weiß aber auch nicht, was er kaufen soll! Vielleicht Falco?“ Gelächter.

Guck mal das Landei da, der weiß aber auch nicht, was er kaufen soll! Vielleicht Falco?

Heute weiß ich natürlich, dass sich da niemand auch nur irgendeinen klitzekleinen Gedanken über mich und meine Unentschlossenheit beim Plattenkauf gemacht hat. Allerhöchstens war da vielleicht ein Kaufhausdetektiv, der mich beobachtet hat und darauf geachtet hat, ob ich mir klammheimlich eine Langspielplatte unter die Jeansjacke schiebe. Ja, genau, ich war nämlich gar nicht in einem Underground- oder Metalplattenladen, sondern in der Musikabteilung von Karstadt! Voller Kommerz, dachte ich etwas später, aber das war mir irgendwie unbewusst, glaube ich.

Es war an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Worum ging es denn? Es ging darum, eine richtig geile Scheibe zu kaufen. Eine die cool, anspruchsvoll, abgedreht, lässig und hart ist. Gleichzeitig sollten natürlich noch echte Knallersongs drauf sein. Ich fand unabhängig von Genrezuordnungen Sonic Temple von The Cult und dachte mir: „Geiles Cover. Der Typ malträtiert seine Gitarre in einer Flut von Blut – die ist bestimmt knallhart, die nehme ich!“

Geiles Cover. Der Typ malträtiert seine Gitarre in einer Flut von Blut – die ist bestimmt knallhart, die nehme ich!

Auf das Reinhören verzichtete ich. Wie sollte das auch funktionieren? In der Hülle war gar keine Schallplatte, das hatte ich bereits bemerkt. Unauffällig und vorsichtig hatte ich sie gebogen und geknickt und ich war mir sicher: „Nix drin!“ Sollte ich nun zu dem Mann am Tresen gehen und fragen, wie das jetzt gehen würde – das mit dem Reinhören? Auf gar keinen Fall. Er blickte eh drein, als würde er jede einzelne Band und jeden einzelnen Interpreten der abertausenden Tonträger in diesem Laden höchstpersönlich kennen und diese sozialen Kontakte auch sehr bewusst pflegen. Ein echter Plattenprofi. Diese Blöße würde ich mir nicht geben. Ich würde nur einen blöden Spruch bekommen. So etwas wie: „Da hast du dir aber eine Knallerscheibe ausgesucht, mein Kleiner! Zum ersten Mal alleine los ’ne Pladde kaufen?“ Grinsen. Zudem wollte ich nicht riskieren, mich mit dem direktgetriebenen Plattenspieler blöde anzustellen.
Ich stellte mir vor, wie mir beim Auflegen der Schallplatte der Tonarm aus der Hand flutscht und über das schwarze Rund hoppelt – ein lautes, kratzendes und quietschendes Geräusch dröhnt aus den Kopfhören, die noch am Haken hängen. Verstört blickte ich mich um. Ich habe vergessen, die Kopfhörer aufzusetzen.
„Bezahlen und raus hier“, dachte ich, zum Bahnhof, in den Zug, nach Hause, nach Berne, zurück in die Unbekümmertheit der Abgeschiedenheit. Zurück dahin, wo Unwissenheit nicht auffällt. Ich bezahlte und machte mich mit dem Gefühl auf den Weg, in einer Karstadt-Tüte ein Stück „große weite Welt“ nach Hause zu holen.


Diese geile Scheibe gibt es bei:

iTunes Amazon YouTube

Im Zug holte ich von Zeit zu Zeit mein erstes selbst ausgesuchtes und gekauftes Album einer Band hervor und hoffte insgeheim und inbrünstig, dass es eine richtig megageile Scheibe sei. Und Hoffnung war an dieser Stelle durchaus angebracht, schließlich hatte ich ja noch keinen einzigen Ton des Albums gehört. Zuhause angekommen ging ich sofort nach oben in mein Zimmer und erinnere mich daran, wie ich die Platte auf den Teller legte und auf Start drückte. Mit einem Ruck erhob sich der Tonarm meines Nordmende-Tangential-Plattenspielers und bewegte sich, begleitet von einem beständigen Surren des Elektromotors hinüber, über das sich drehende Vinyl. Die Nadel schwebte nun knapp über den schwarzen Rillen. Vorfreude. Dann ein ausklinkendes Klacken. Spannung. Der Motor ließ die Nadel sanft und wie von Geisterhand auf die Platte sinken. Geknister. Ich war begeistert von der Technik, warf mich auf mein Matratzensofa und wartete auf die ersten Töne.
Leise und rhyth­misch beginnt die Hi-Hat, die Gitarre schleift sich mit softem und melodischem Feedback ein, der Bass gibt vom ersten Moment an Halt und Struktur. Die Stimme von Ian Astbury setzt erst sprechend und dann singend ein. – In diesem Moment wurde mir klar: „Ich hatte Schrott gekauft!“ Ich wollte krassen, harten, bretternden und donnernden Krach, ich wollte Geschrei, Brüllen, Geröchel – nix davon fand ich in diesem Moment. Ich hatte eine softe Hardrockplatte gekauft, die ich keinem meiner Mitschüler zum Tausch anbieten konnte.

Aus heutiger Sicht und einer gewissen Perspektive ist diese Platte aber trotzdem wegweisend für mich gewesen. Auf der einen Seite habe ich sie mir reingeprügelt, obwohl ich sie nie richtig geil fand, auf der anderen Seite beförderte sie unverblümt die Tatsache ans Tageslicht, dass ich auf Balladen stehe, aus denen heute eine Vorliebe für Singer und Songwriter geworden ist. „Edie“ mochte ich immer am liebsten.

Bleibt noch ein Sache aufzulösen. Auf dem Cover handelt es sich nicht um Blut, sondern um Feuer. Mir hätte also bereits im Laden auffallen müssen, dass das keine Metalplatte war, die ich da im Begriff war zu kaufen.
Aber hey! „I’m a sun king, baby“ und kaufe, was ich will!

3 thoughts on “The Cult – Sonic Temple”

  1. Hallo Tim,

    was für ein cooler Blog und was für ein lesenswerter Artikel über Deine erste Platte! Und Du hättest es mit Deiner Erstanschaffung wahrlich schlechter treffen können, denn Du hast Dir damals intuitiv ein Album ausgesucht, das heute viele für einen Meilenstein halten, geradezu für die Rettung des Hardrockgenres aus dem haarigen Bon-Jovi-Glam-Sumpf der 80er. Wie Du allerdings aus diesem straighten, temporeichen und dynamischen Hardrockjuwel Deine Vorliebe für Balladen und Singer-/Songwriter ableiten kannst, erschließt sich meiner wilden Leserfantasie nicht und könnte Stoff für einen erklärenden Beitrag sein.

    1. Hey Andreas,

      vielen Dank für die Blumen. Es freut mich, dass dir mein Blog und die „The-Cult-Geschichte“ gefällt.
      Und wir sind uns ja grundsätzlich auch einig (zwar aus unterschiedlichen Gründen), dass die Platte durchaus wegweisend war – ein Hardrockjuwel ist sie deshalb für mich aber nicht – ein persönliches Juwel hingegen schon!
      Der „haarige Bon-Jovi-Glam-Sumpf“ ist eine ganz wundervolle Wortschöpfung und zudem so selbsterklärend;) Da gehe ich mit.

      Zu meiner Vorliebe für Singer und Songwriter:
      Das musst du ein wenig abstrakter sehen. Es bezieht sich zunächst einmal nicht auf das gesamte Album, sondern lediglich auf den Song „Edie (Ciao Baby)“. Der Song (und vor allem das Intro) hebt sich durchaus vom Rest der Platte ab. Ist ruhiger. Softer. Klebriger. Melancholischer. Auf vielen Alben, die eigentlich dynamischer, härter oder krachender sind, findet so einen Ausreisser. Mir ist im weiteren Verlauf meines musikalischen Daseins aufgefallen, dass ich eben diese Ausreisser häufig mochte. Nimm z.B. „How Will I Laugh Tomorrow“ von Suicidal Tendencies. Ist auch die Ballade auf dem Album. Fand ich auch den besten Song auf auf ganzen Album.
      Daraus konnte ich meine Tendencies;) ableiten!

      Empfehle mich weiter.
      LG Tim

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