Da war sie – eine Band, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Kaum jemand in meinem Freundeskreis kannte sie. Ich mochte ihre Musik, ich mochte ihre Texte und ich mochte ihren rastahaarigen Frontmann Wiz. Eine echte Entdeckung. Ich war irgendwie Fan. Doch Fan-sein mochte ich nicht, deshalb ordnete ich sie lieber als Lieblingsband ein. Damit konnte ich besser umgehen.

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr so ganz genau, wie ich Mega City Four überhaupt kennenlernte. Vielleicht hatte ich ihren Namen in einem der vielen Mailorder-Kataloge gelesen, die ich damals ständig durchstöberte. Oder sie war auf der anderen Seite einer Kassette, die ich mir zum Überspielen geliehen hatte. Eventuell hatte auch nur jemand in den höchsten Tönen über sie gesprochen. Ist ja auch egal. Wir kamen auf jeden Fall zusammen.

Habe ich das tatsächlich gesagt? Oh nein, wie peinlich.
Hoffentlich war sie genau so angetrunken wie ich!

An einem ganz normalen Samstag im Frühjahr 1992. Lange schlafen, mehrfach von der Mutter geweckt werden. Musik anmachen und wieder ins Bett springen. Liegen. Den leichten Muskelkater genießen. Den Vorabend Revue passieren lassen. In sich hinein grinsen bei lustigen Erinnerungen, sich über sich selbst ärgern oder sich gar ein wenig schämen, bei kleinen Peinlichkeiten. „Habe ich das tatsächlich gesagt? Oh nein, wie peinlich. Hoffentlich war sie genau so angetrunken wie ich!” An diesem Samstag war ich aber insgesamt sehr glücklich. Mit guter Laune aber wackeligen Schrittes ging ich hinunter in die Küche, um erstmal zu frühstücken. Meine Mutter fragte mich neckisch nach meinem Befinden. „Ich habe keinen Kater, ich habe nur drei oder vier Bier getrunken”, rechtfertigte ich mich. Sie grinste und meinte: „Dafür hast du aber ’ne ganz schöne Fahne — und deine Klamotten stinken nach Qualm!” Ich entgegnete: „Vielleicht waren es fünf”, dann konzentrierte ich mich auf mein Frühstücksei. „Vielleicht kannst du Papa beim Rasenmähen helfen?”, sagte meine Mutter. Ich meinte: „Mmmmhhh”.
Nach dem Frühstück ging ich zum Telefon. Das stand in der Diele auf der Treppe, die ins erste Obergeschoss führte. Zum Telefonieren setzte ich mich zumeist auf die Stufen und konnte durch die Haustür hinaus auf die Straße blicken. Hin und wieder gingen Menschen aus dem Dorf vorbei, die ich alle kannte. Sahen sie mich, grüßte ich sie und sie grüßten zurück. Die vorbeifahrenden Autos konnte ich alle zuordnen, den Familien, denen sie gehörten oder wenigstens den Häusern, vor denen sie parkten. Wenn nicht, war das ungewöhnlich. Ein Neubaugebiet — ringförmig angelegt. An unserem Haus mussten alle vorbei.

Below-und-above-the-line. Ganz klar.

Ich telefonierte mit Malek und wir verabredeten uns für den Abend. Wir wollten auf ein Schützenfest, mit dem Fahrrad. Das bedeutete, wir hatten eine Fahrradtour von etwa 12 Kilometern vor uns, auf dem Hinweg. Die gleiche Entfernung natürlich noch einmal auf dem Rückweg. Nicht unüblich, wenn man auf dem Dorf aufwächst. Ich half meinem Vater doch noch ein bisschen im Garten. Den Rest des Tages verbrachte ich dann hauptsächlich in meinem Zimmer — Musik hören. MTV gucken. Rumkritzeln. Lesen. Aus dem Fenster schauen. Bass spielen. Einen Tennisschläger bespannen — Tims Bespannungsservice (kurz TBS) war übrigens meine erste eigene Firma. Ein echtes Nischengeschäft, wie sich herausstellte. So ein Angebot gab es bei uns im Ort nicht. Viele Vereinsmitglieder nutzen die kurzen Wege. Sie kannten mich, schließlich gab ich im Verein Tennistraining. So hatte ich also auch gleich eine fachliche Expertise vorzuweisen. Alles Faktoren, die gut für ein florierendes Geschäft sind und Erfahrungen, die mir in meinem späteren Leben bei weiteren Firmengründungen zu Gute kommen sollten. Besonders viel Spaß machte mir die Logoentwicklung und das Marketing. Ich bastelte eine Schablone mit dem Schriftzug TBS. Mit einem speziellen Stift konnte ich nun die fertig bespannten Rackets branden. Die Schablone passte genau in die Schlagfläche des Schlägers, so dass ich die Saite mit dem Stift problemlos einfärben konnte. Voilà. Oder ich gestaltete Aushänge am Tennisplatz. Below-und-above-the-line. Ganz klar. Für meine berufliche Laufbahn sicher wegweisend, das wusste ich damals aber noch nicht.
In meiner Freizeitgestaltung war ich schon immer sehr sprunghaft. Das hört sich negativ an, deshalb möchte ich an dieser Stelle lieber von vielfältig sprechen. Ein klassischer Allrounder. Wirklich geändert hat sich das bis heute nicht.

Nach dem Abendessen mit meinen Eltern verabschiedete ich mich und schwang mich mit ein paar Flaschen Diebels Alt auf mein Fahrrad. Meine Eltern haben gute Freunde in Düsseldorf, deshalb gab es damals auch bei uns häufig Altbier, das ist aber schon lange nicht mehr so. Ich fuhr zu Malek. Alex war auch schon da.
Wir hörten noch ein wenig Musik und machten uns dann auf den Weg. Ich erinnere mich daran, es immer ein wenig uncool gefunden zu haben, mit dem Rad so eine lange Strecke zurücklegen zu müssen, nur um auf eine Party zu gelangen, doch mehr denn je war damals der Weg das eigentliche Ziel. Gerade in dieser Nacht sollte sich das noch herausstellen.

So geil wird das Schützenfest auch nicht sein.

Die Route war unkompliziert. Ein Helmer schlängelte sich an der Bundesstraße entlang. 10 Kilometer. Immer in Sichtweite. So spürte man bei passierenden Fahrzeugen in der Ferne wenigstens einen Hauch von Zivilisation. Ansonsten waren wir einfach weit draußen. Fernab von größeren Siedlungen. Wir durchquerten den Mini-Ort, der mich immer an Katjes-Bonbons erinnert. Die Stimmung war blendend. Das lag vor allem daran, dass es uns nicht darum ging, schnellstmöglich anzukommen. Wir ließen uns viel Zeit. Das Wetter lud dazu ein. Es war zwar noch nicht wirklich warm, aber der Tag hatte aufmunternd das endgültige Ende des Winters eingeläutet. Und bevor es letztlich ganz und gar dunkel wurde, rasteten wir des Öfteren und tranken Bier. Die Wegzehrung hatten wir noch vor Verlassen des Ortes auf die Drahtesel und in die Rucksäcke geladen. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es auch kälter, doch unsere Ausgelassenheit hielt uns warm. Am Ende des Weges machten wir wieder halt. Eigentlich hätten wir nur noch 2 Kilometer querfeldein in Richtung Weser fahren müssen und wir wären am Ziel gewesen, doch es kamen Zweifel auf.

„Ich bin schon ganz schön voll.”
„Ich auch!”
„Und wir müssen ja auch noch wieder ganz zurück fahren!“
„Stimmt.“

Alle lachen.

„So geil wird das Schützenfest auch nicht sein.“
„Aber gut, dass wir hier mal hingefahren sind! “

Wieder lautes Gelächter.

„Von hier aus ist es nicht weit zu Karina, ich fahre kurz hin und gebe ihr Bescheid, dass ich nicht mehr auf die Fete komme, okay? Wartet ihr hier?“

Ich trat in die Pedalen und raste durch die Dunkelheit. Nach etwa einem Kilometer erreichte ich den Hof, auf dem Karina wohnte. In ihrem Zimmer brannte kein Licht. Ich lauschte der Stille und meinem schnellen Atem. Dann entschied ich mich, nicht zu klingeln. Stattdessen fuhr ich zurück zu Malek und Alex, die sich zwischen ihren Rädern rücklings auf den Weg gelegt hatten und in den Sternenhimmel sahen.

„Das ging aber schnell!“
„Hab’ auch nur kurz Hallo gesagt und dass ich kein Bock mehr auf die Party hab – dann bin ich wieder los!“
„Das Bier ist alle!“


Diese geile Scheibe gibt es bei:

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Wir beschlossen, auf der Rückfahrt nicht mehr so sehr zu trödeln, um dann bei Malek zu Hause noch ein paar Bierchen zu trinken. Wir waren schnell unterwegs. Kurz vor der Ortseinfahrt fuhren wir alle drei nebeneinander auf dem schmalen Weg. Unsere Schultern berührten sich hin und wieder, weil wir einen sportlichen Wettkampf imitierten. Dann plötzlich verhakten sich unsere Räder ineinander und wir drifteten allesamt zur linken Seite. In den tiefen Graben. Glücklicherweise war der Wasserstand niedrig. Matschig war der Graben trotzdem. Ich erinnere mich an einen kurzen und absolut ruhigen Moment, in dem jeder für sich in seinen Körper hinein hörte, um herauszufinden, ob er sich verletzt hatte. Dann brachen wir in ein schallendes Gelächter aus. Im Graben liegend. Wir verzichteten auf das Bier bei Malek. Der Abend war zu Ende. Wir waren am Ziel und der Weg war großartig.

Ein cineastischer Konzertbesucher.

Drei Tage später war ich wieder mit Karina verabredet. Sie war älter als ich und hatte bereits einen Führerschein. In ihrem kleinen roten Wagen fuhren wir nach Bremen in den Schlachthof. Auf diesen Dienstag hatte ich mich schon seit Wochen gefreut. Mega City Four kamen nach Bremen und ich würde sie live sehen. Wow. Halbherzig hatte ich im Vorfeld versucht, andere in meinem Freundeskreis davon zu überzeugen, mit mir auf das Konzert zu kommen. Erfolgreich erfolglos. Irgendwie glaubte ich auf diese Art meine musikalische Unabhängigkeit oder gar meine Individualität im Allgemeinen hervorheben zu können. „Ich gehe auf ein Konzert, auf das keiner meiner Freunde geht!“ Uuuuhhhhuuhh. Ein cineastischer Konzertbesucher. Beeindruckend. Für Malek und Alex war Mega City Four damals nicht relevant.

„Nee, lass mal.“

Für mich völlig okay. Ich wollte mit den beiden ja auch nicht auf Konzerte von Bolt Thrower oder Anal Cunt.
Aber hey, ich ging ja gar nicht alleine auf das Konzert – ich ging mit einem Mädchen. Das war anders aufregend. Anders. Aufregend. Auf der einen Seite war es ein Date, auf der anderen Seite das Konzert meiner Lieblingsband. Zwei Herzen schlugen, ach, in meiner Brust.

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Das Konzert war scheiße. Schlecht besucht, was auf die Stimmung schlug. Ohne ein Wort ans Publikum zu richten, ratterten sie ihre Songs runter – das allerdings sehr solide. Der Sound war mies. Der Gesang viel zu leise. Und der Auftritt war sehr kurz. 40 Minuten. Fertig. Viele Konzertbesucher waren bereits nach der zweiten Vorband Mucky Pup gegangen. Andere bereits nach Rumble Militia, einer Band aus Bremen, die durchaus eine lokale Größe war. Gegenwartseinschub — Die Band gibt es immer noch, habe ich gerade im Internet gelesen. Und mir fällt ein, dass ich damals einen gebrauchten weißen Hohner-Bass via Zeitungsannonce kaufte. Der Verkäufer sagte mir, er sei Bassist von Rumble Militia. Ob das stimmte, weiß ich nicht. Während des Konzertes machte ich mir Gedanken um die Bandzusammenstellung des Konzertabends. Mucky Pup und Rumble Militia passten gefühlt gar nicht zusammen. Zu Mega City Four passten sie jeweils auch nicht. Was hatte sich der Veranstalter bei der Zusammenstellung des Line-Ups also nur gedacht? Ich war ehrlich enttäuscht. Zudem war es mir Karina gegenüber ein wenig peinlich, schließlich hatte ich ihr von meiner Lieblingsband vorgeschwärmt. „Das wird ein hammergeilesgutes Konzert!“  Es gab keine Zugabe. Natürlich nicht. Das Licht ging sofort nach Konzertende an. 5 Minuten später war der Konzertsaal wie leer gefegt. Wir gingen zum Auto. Ein paar Wochen später trennten wir uns.

Mega City Four und ich hingegen überstanden die Krise von damals. Bis heute kann ich verstehen, warum sie mich damals mit ihrem wavigen Gitarren-Pop-Punk erreichten. „Hart aber melodisch, das kann ich nachvollziehen“, meint eine, mir sehr nahestehende Person. Gerade eben in der Küche. Und wegen des Konzertes bin ich ihnen heute auch nicht mehr böse.

2 thoughts on “Mega City Four – Who Cares Wins”

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