Ich ließ die letzte Tasche auf den Linoleumfußboden fallen. Um mich herum türmten sich meine Sachen — in Kartons, Taschen, Tüten oder Körben. Alles war irgendwie verpackt und befand sich nun in diesem Raum. Umzug abgeschlossen. Vor mir ein neues Leben. Ein Zimmer von etwa 16 Quadratmetern mit zwei Fenstern. Die kleine Diele, die zur Wohnungstür führte, war gleichzeitig Küche. Von ihr aus gelangte man in das Badezimmer. Fertig.

Einen kurzen Moment lang stand ich eine gefühlte Ewigkeit mitten im Raum und drehte mich um meine eigene Achse. Dachte ich. Erst langsam, dann immer schneller, dann wieder langsamer werdend. Ich realisierte. Entwurzelt in der Mitte Deutschlands. In den traurigen Hügeln Hessens. Mir war unwohl. Dieses Gefühl, von dem ich denke, dass es mit einem im Hals stecken gebliebenen Klos umschrieben wird.

Aus der großen weiten Welt, in die ich ausziehen wollte, war ein anderes, uninteressanteres Bundesland geworden. Aus den Metropolen der Welt, in denen ich wohnen wollte, war eine kleine, alte Stadt im deutschen Hinterland geworden.Aus einem urbanen Lifestyle, der mir vorschwebte, war eine 1-Zimmer-Wohnung in einer ehemaligen Scheune geworden. Im Vorort einer Kleinstadt. Auf einem Berg. Dörflich. Fast wie zu Hause. Nur zu steil für ein Fahrrad. Mir lief eine Träne über die linke Wange. Die rechte hielt ich trocken.
„Was mache ich hier?”, fragte ich mich laut und war mir im gleichen Moment darüber im Klaren, keine Antwort zu erhalten. Von wem auch.

„Na, sprichst du schon mit dir selbst?“, machte ich mich über mich selber lustig und blickte auf das mir noch fremde Telefon auf dem Fußboden. Es war lila. Warum auch immer. Ich hockte mich davor und hob vorsichtig den Hörer ab, während ich das Kabel mit meinen Augen bis zur Telefondose in der Wand verfolgte. Es knackte kurz in der Leitung. Dann hörte ich ein Freizeichen.

Sofort holte mich ein
tiefschwarzer und traumloser Schlaf.

Verwundert hielt ich den Hörer an mein rechtes Ohr und vergewisserte mich. Es funktionierte tatsächlich. Ich wählte instinktiv eine Nummer. Ich wollte eine Verbindung in die Realität herstellen, doch noch ehe ich die Telefonnummer fertig eingetippt hatte, beobachtete ich meinen Zeigefinger, wie er zielstrebig die Hörergabel herunterdrückte. Ich war wieder allein. Doch ich spürte, dass es Sinn machte.
Ich befreite Bettdecke und Kopfkissen aus einem blauen Müllsack und legte mich ohne Laken auf meine neue Kapok-Matratze, auf die ich mächtig stolz war. Die Tatsache, dass sie unglaublich ungemütlich und steinhart war, blendete ich vehement aus. Sofort holte mich ein tiefschwarzer und traumloser Schlaf.

Am nächsten Morgen sah die Welt schon wieder freundlicher aus. Dasselbe bedrückende Zimmer vom Vorabend, mit all den hineingeworfenen und gestapelten Sachen, wirkte auf mich nun wie eine stark komprimierte Version meines bisherigen Lebens. Es erinnerte mich vielmehr daran, dass ich genau in diesem Moment auch eine Menge Ballast abwarf. „Getragene Haut abstreifen“, dachte ich. Ich stand auf und duschte.

Die folgenden Tage wurden besser. Die Einführungswoche brachte viele neue Menschen und Eindrücke mit sich. Es gab eigentlich kaum noch Zeit, sich dem eigenen Jammern hinzugeben. Ich lernte Florian kennen, der noch weiter oben auf dem Berg wohnte und trotzdem mit dem Fahrrad fuhr. Dabei versprühte er so viel Lebenslust, dass ich dachte: „Okay, gar nicht so schlimm.“
Ich lernte André und Mark kennen, die auch auf einem Berg wohnten, aber auf einem anderen.
Und auch Adam lebte auf einem Berg. Sogar im Wald.
Scheinbar lebten hier viele auf Bergen und nur wenige im Tal.
In meinem weiteren Leben sollte ich lernen, dass es durchaus normal ist, sich langsam heranzuarbeiten – in diesem Fall ans Stadtzentrum.

Der Mensch gewöhnt sich nicht nur an vieles,
er tut es auch verdammt schnell.

Wir fünf waren verabredet. In der Oberstadt. Am Aufzug schloss ich mein Rad an. Es war Ende Oktober 1995 und schon empfindlich kalt. So um die Null Grad rum. Die Abfahrt den Berg hinunter hatte Spaß gemacht. Stellte man sich geschickt an, war der Weg fast ganz ohne Treten zu absolvieren. „Nur nicht an den Heimweg denken“, dachte ich mir. Meine Augen tränten ein wenig vom Fahrtwind und meine Nase lief. Es war bereits dunkel und kein Mensch war zu sehen, während ich auf die beiden Fahrstuhltüren zuging. Bis heute ist für mich ein Oberstadtaufzug ein echtes Kuriosum. Das aber nur am Rande. Plötzlich sprach eine blecherne Stimme laut von irgendwo her: „Das Mitführen von Fahrrädern ist nicht gestattet!“ Ruhe. Ich sah mich um. Und dann nochmal: „Zum letzten Mal. Das Mitführen von Fahrrädern ist nicht erlaubt!“ Dann öffnete sich langsam die linke Fahrstuhltür. Darin standen André und Mark. Beide hatten sich Tennissocken als Handschuhe über die Hände gezogen. Ihre Fahrräder hatten sie aufs Hinterrad gestellt und hielten sie jeweils am Lenker fest, so dass sie beide in den kleinen Fahrstuhl passten. Ein Bild, dass sich in mein Hirn gefressen hat. Ich fragte: „Ist noch Platz da drinnen?“ Wir lachten.
In dieser Nacht stellten wir unvorbereitet fest, dass es in dieser Stadt eine Sperrstunde gibt. Ein weiteres Kuriosum. Delirium.


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Ein paar Wochen später hatte ich mein neues zu Hause schon voll akzeptiert. Die mittelalterliche Stadt, ihr Schloss und die bewaldeten Hügel im Umland ersetzten Kühe, Wiesen und ewig flaches Land der Heimat. Der Mensch gewöhnt sich nicht nur an vieles, er tut es auch verdammt schnell. Ich begann sogar schon an meinen eigenen Haushalt zu denken.

Das mag sich jetzt ein wenig überzogen anhören und ist es auch. Ich lebte gerade mal knappe zwei Monate in meiner ersten eigenen, kleinen Wohnung. Ich war jung. Da verschimmeln schonmal Teller, Tassen oder Töpfe in der Spüle. Ich muss mich also korrigieren, wenn ich an dieser Stelle behaupte, dass ich mich um meinen Haushalt ernsthaft kümmerte. Vielmehr reagierte ich. Ich reagierte auf zu viel Geschirr auf dem Tisch (gestapelt), auf zu viel Staub auf dem Boden (Staubmäuse), auf zu viel Besteck in der Spüle und keinem mehr in der Schublade. Und so weiter. Wenn es mal wieder soweit war und kein sauberer Teller, kein sauberer Topf oder kein sauberes Glas mehr im Schrank war, begann ich mich langsam auf den Abwasch vorzubereiten. Ich versuchte, daraus ein echtes Happening zu machen. Das Abwaschen von dreckigem Geschirr als coole Tätigkeit zu inszenieren. Nur um es mir zu versüßen. Nur um es überhaupt zu machen.
Dazu habe ich in meinen Aufzeichnungen ein Gedicht gefunden, das so ein Abwasch-Happening an der Spüle thematisiert – ja geradezu glorifiziert. Es ist Teil eines längeren Textes ist (siehe Seitenangabe), der im Frühjahr 1996 entstanden ist. Also ein originales Zeitdokument, in dem ich ausdrücklich empfehle, 24 Hour Revenge Therapy von Jawbreaker zum Geschirr spülen zu hören. Eine Anleitung zum Abwaschen, sozusagen. Ich weiß auch nicht, was damals in mich gefahren war. Lest selbst.
Ende des Gegenwartseinschubs.

___

Trink ein Glas.
Lass das Abwaschwasser ein.
Mach die Scheibe an.
Hör sie laut.
Stell dich vor die Spüle.
Trink ein zweites Glas.
Trink es schnell.
Fang an zu spülen.
Deine Hände werden sich nach innen kehren.
Es ist das heiße Wasser.
Lass es geschehen.
Plötzlich wirst du deine Füße nicht mehr am Boden halten können.
Tanze.
Hör auf, wenn du keine Lust mehr hast.
Merke dir alles, was du denkst.
Ordne deine Gedanken.
Ermahnend. Spüle zuerst zu Ende!
Dann kannst du schreiben.
Spiel den Song nochmal, wenn du was vergessen hast.
Aber tue es.
Nie wird dir etwas besseres passieren.
Das Leben ist gut.
Irgendwie.

 

Wichtige Utensilien:
Wein: Borges rosé / 10,5 vol (Portugal) / 4,29 DM bei COOP
Scheibe: Jawbreaker / 24 Hour Revenge Therapy

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Für mich ein Meisterwerk des melodischen Punks. Eine Scheibe, die mich oft und einfach mitgenommen hat, wenn es darum ging, eine maximal simple, doch exakt ausbalancierte Mischung aus Musik, Text und Stimmung zu genießen. Wenn Blake Schwarzenbach in Outpatient singt: „Now I’m talking through my pen / Do you read me, am I bleeding?“, dann war ich sofort happy sad. Für mich war „24 Hour Revenge Therapy“ immer eine Scheibe, die schlechte Laune in gute Laune verwandeln konnte – ganz einfache Punk-Magie. Ich brauchte nur die Nadel auf die Schallplatte legen und schon stieg das Stimmungsbarometer.

Kurios. Erst vor ein paar Tagen habe ich beim Hören der Scheibe in dem Song „Ashtray Monument“ folgende Textzeile gefunden: „Remember our life? I did the dishes while you read out loud.“ Ob ich das Gedicht wohl so geschrieben hätte, wäre mir diese Passage bekannt gewesen?

 

One thought on “Jawbreaker – 24 Hour Revenge Therapy”

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