Gewonnenes Land

Pearl Jam – Ten

Wir gingen hinaus in eine finstere Nacht. Sie empfing uns beinahe sternenlos. Ungewöhnlich. Zu Fuß verließen wir die winzige, ehemalige Ziegelei-Siedlung und gingen die Rampe hinauf. Oben auf dem Deich blieben wir stehen und lauschten der Stille. Nur der Wind machte sich im hohen Gras, an den Weidenzäunen und in den entfernten Wipfeln der Pappeln am Weserstrand bemerkbar. Sehen konnten wir kaum etwas.

„Ganz schön dunkel”, sagte ich.
„Soll ich Licht an machen?”, fragte Hanno.

Wir mussten kichern. Dann lachen. Die Situation war gut. Schön skurril. Insgeheim waren wir Abenteuersucher. Glaube ich. Die Szenerie drängte sich förmlich auf. Irgendetwas Unerwartetes lag in der Luft. Wir wussten nur nicht was.

„Weiter?”, fragte ich prustend.
„Klar”, sagte Hanno, ein weiteres Lachen unterdrückend.

Wir setzten uns in Bewegung. Schritt für Schritt drangen wir tiefer in die schwarze, flache Ebene ein. Nicht dass es in der näheren Umgebung erwähnenswerte geografische Erhebungen gegeben hätte, außer der Deiche, aber wir befanden uns auf künstlich gewonnenem Land. Normal Null. Vielleicht sogar unterhalb. Irgendwie komisch, auf Boden zu laufen, wo mal Wasser war.

Die Nacht war warm. Der Wind kühlte ein wenig meine schwitzige Haut aus dem Proberaum. Ich fühlte mich gut, als ich ein leises und beständig wiederkehrendes Quietschen vernahm. Dann hörte ich es nicht mehr.

„Hast du von der toten Frau im Spülfeld gehört?”, fragte Hanno.
„Im Spülfeld?”, stellte ich eine Gegenfrage.

Am unendlich dunklen Himmel leuchtete ein grelles blaues Licht auf
und gab kurz den Blick auf die bedrohlichen Turmwolken
über unseren Köpfen frei.

Hanno erzählte mir von einem tragischen Vorfall, der anscheinend völlig an mir vorbei gegangen war. Ich war überrascht. Nicht, weil ich sonst immer von allem wusste und mich nun in meiner Ehre verletzt fühlte. Nein. Weil man auf dem Dorf zwangsläufig irgendwann von allem erfährt. Hiervon hatte ich nichts gehört.
Ein paar Wochen zuvor hatte man, in dem nur wenige hundert Meter entfernten Spülfeld, die Leiche einer Frau gefunden. Das Spülfeld diente der Unterhaltung der Weser. Kaum 50 km landeinwärts befand sich damals noch ein Überseehafen. Die großen Schiffe der Weltmeere nutzten den Fluss hier täglich. Ganz nebenbei wurde es genutzt, um das Land trockenzulegen, auf dem wir gerade liefen. Ich stellte mir vor, in so ein Becken zu fallen — Ein künstliches Moor. Tödlich. Chancenlos.
Der Wind frischte auf. Am unendlich dunklen Himmel leuchtete ein grelles blaues Licht auf und gab kurz den Blick auf die bedrohlichen Turmwolken über unseren Köpfen frei. Da war es wieder. Das Quietschen. Dann war es wieder weg.


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„Davon habe ich nichts gehört!”, stellte ich fest.
„Echt nicht?”, fragte Hanno.
„Echt nicht!”, erwiderte ich.
„Die Polizei glaubt, das es ihr eigener Ehemann war! Der wohnt gleich dort drüben hinter dem Deich.” Hanno deutete rücklings mit der Hand auf einen Punkt neben der Rampe, auf der wir den Hochwasserschutzbau überquert hatten.

Wir sahen uns mit ratlos nach unten gezogenen Mundwinkeln an
und zuckten mit den Schultern.

Wir gingen weiter. Schließlich wollten wir zum Strand und zum Leuchtturm. Noch einmal leuchtete der Himmel grell-blau auf und wir meinten, vor uns auf dem Weg eine Person gesehen zu haben. Sicher waren wir uns aber nicht. Die Turmwolken hatten sich zu absurden Grimassen und Figuren formiert. James Dean. Alfred E. Kwak. Batman und Robin. Wenn ich mich recht entsinne. Unsere Stimmung schwankte zwischen gespannt, belustigt und verängstigt. Wir blieben stehen. Da war wieder das Quietschen, regelmäßig von einer kurzen Pause unterbrochen. Es wurde lauter. Und auch der Wind wurde immer stärker. Blätter wehten durch die Luft und trafen uns hin und wieder. Andere Geräusche mischten sich in die Situation. Ich erinnere mich an ein Raunen. Ein tiefes, seufzendes Brummen. Nicht lokalisierbar. Und es es war nach wie vor dunkel. Stockfinster. Das Quietschen kam immer näher. Eine Krähe landete direkt vor unseren Füßen auf dem Weg. Sie ging ein paar Schritte, schaute zu uns hinauf. Sie krähte, wie es sich für einen Vogel dieser Gattung gehörte. Dann flog sie wieder in die schwarze Nacht. Wir sahen uns mit ratlos nach unten gezogenen Mundwinkeln an und zuckten mit den Schultern.
Das Quietschen befand sich nun unmittelbar vor uns und kam unaufhaltsam näher.

„Das ist er!”, sagte Hanno.
„Wer?”, fragte ich.
„Der Mörder!”

Wenige, lange Sekunden später entsprang der Dunkelheit die Silhouette eines fahrradfahrenden Mannes. Er nahm Kurs auf uns.

Stummer Disco-Horror!

Urplötzlich war es windstill. Keine Geräusche. Nur das Quietschen. Und das bahnte sich kreischend den Weg in mein Hirn. Quieeeeetsch. Pause. Quieeeeetsch. Pause. Quieeeeetsch. Pause. Wieder erhellte sich der Himmel. Erst blau. Dann grün. Dann in allen anderen erdenklichen Farben. Abwechselnd. Flimmernd. Entrückt.

„Stummer Disco-Horror!”, dachte ich schmunzelnd und war doch verängstigt.

Dann ging alles sehr schnell. Buckelig hing der Mann auf dem Zweirad und blickte uns aus tiefen Augenhöhlen an, als wir etwa einen Meter voneinander entfernt waren.

„Moin!”, hörte ich mich sagen.
„Moin!”, fügte Hanno scheinbar abwesend hinzu.
Keine Reaktion.

Er passierte uns. Uns passierte nichts. Der Mann auf dem Fahrrad hatte ein lahmes Bein. So entstand das Quietschen und die regelmäßigen Pausen. Rechts treten. Warten, dass die Pedale wieder nach oben kommt. Wieder treten. Und so weiter. Ein paar Momente vorher hätte ich schwören können, er würde anhalten, absteigen, herüberhumpeln und uns abmurksen — irgendwie. Hinterher würden wir natürlich, wie seine Frau, drüben im Spülfeld landen und verrotten. Aber der Mann zeigte überhaupt keine Regung. Er fuhr einfach weiter. Auf seinem alten schwarzen Fahrrad. Mitten in der Nacht. Er grüßte uns nur nicht. So etwas kommt vor. Ganz normal. Oder?

Du hast einen Popel an der Nase!

Unsere Anspannung löste sich erst, als er in der Ferne den Deich überquert hatte und außer Sichtweite war. Dann wurde uns bewusst, was unser Hirn da gerade mit uns veranstaltet hatte. Wir brachen in ein erleichtertes Lachen aus und verzichteten auf Strand und Leuchtturm. Wir gingen zurück. Wir hatten Hunger. Käsebrot mit saurer Gurke — an der langen Seite in Scheiben geschnitten. Selbstverständlich. Heute sehe ich das anders. Das aber nur am Rande.

Wir hörten Musik.

Es ist 8:19 Uhr. Ein Montag. Ich sitze in der voll besetzten S1 auf dem Weg in die Stadt. Ich schreibe an der Geschichte, die du gerade liest. In Gedanken verloren. Die Menschen um mich herum produzieren einen akustischen Einheitsbrei. Beruhigend. Irgendwie. Gewohnheitssache. Bleibe ich realistisch — Wieviel Wahrheit braucht Reality? Wieviel Fantasie braucht Fantasy. Ich google den Begriff „Spülfeld”. Das iPad ist mit dem Hotspot meines Telefons verbunden, als jemand laut durch den Wagon ruft: „Wer ist denn Tim? Gib mal dein Passwort!” Ich muss schmunzeln. „Guter Humor”, denke ich. Schnell benenne ich den Hotspot um. Er heißt nun: „Du hast einen Popel an der Nase!” Kurze Zeit später höre ich, wie die gleiche Person lacht und seinem Gegenüber etwas auf seinem Smartphone zeigt. Beide amüsieren sich. Hat funktioniert.
Meine Haltestelle. Ich muss aussteigen, setze meine Kopfhörer auf und mache mich auf den kurzen Fußweg zur Arbeit. An einer Hausecke riecht es extrem nach Urin. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Der Wind pfeift durch die Häuserschluchten. Vom Hafen her. Als ich das Wasser und die Schiffe erblicke, denke ich an gewonnenes Land und unbeschwerte Nächte — ganz egal an welchem Wochentag. Rauschende Erinnerungen. Ich höre Pearl Jam. Ten. Mein Gott. Diese Lieder sind fast 25 Jahre alt. Eddie Vedder wurde letztes Jahr 50. Ich 40. Ein akustisches Nach-Hause-kommen. Altbekannte Klänge, Melodien und Emotionen. Mir huscht ein heroisches Lächeln über die Lippen. Aber in meinem Hals spüre ich auch einen Kloß.

„Das sind Oldies!”, denke ich augenrollend.
„Fühlen sich aber nicht so an!”, füge ich leiser denkend hinzu.

Erst in diesem Moment verstehe ich, das Lieblingslieder niemals Oldies werden können. Oldies sind die Lieder anderer. Zu Oldies hat man eine Distanz. Doch Jeremy, Black, Once, Even Flow, Porch, Garden, Release oder Alive sind ganz nah. Immernoch. Immerfort. Sie können niemals Oldies werden — für mich.

One thought on “Pearl Jam – Ten”

  1. Die Ten ist für mich auch eine der wichtigsten Platten. War noch eine tolle Zeit (auch wenn ich damals zu klein war und sie erst 10 Jahre später entdeckt habe). Bin immer noch ein sehr großer Fan dieser großartigen Band. Pearl Jam!

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